Brief von Gemeindepräsident Peter Luginbühl

Seit dem Jahreswechsel legt der Gemeindepräsident eine krankheitsbedingte Pause bei seinen Verpflichtungen in der Gemeinde Rüti ein. In einem Brief an die Bevölkerung zieht er eine Zwischenbilanz (publiziert im «Rütner» vom 28.05.21).

Ein langer Weg, bewegende Momente, hoffnungsvolle Perspektiven

Liebe Rütnerinnen, liebe Rütner

Wenn man für eine Aufgabe, die man mit Leidenschaft, Freude und Begeisterung ausgeübt hat, plötzlich keine Energie mehr hat, ist das sehr schmerzhaft. Der Entscheid für meine politische Auszeit Ende Dezember 2020 war es ebenso und dennoch richtig und logisch. Diese Zeilen sind weder ein Schlussbericht meiner Therapie, noch ein verbindlicher Ausblick, wie sich mein Leben in der Zukunft gestalten wird, sondern ganz einfach ein tiefes Bedürfnis, Ihnen gegenüber Transparenz zu schaffen und meiner grossen Dankbarkeit für die unglaublich vielen unterstützenden und aufmunternden Gesten Ausdruck zu geben.

Niemand wünscht sich eine Krebsdiagnose und dennoch musste ich feststellen, dass es kaum jemanden gibt, der oder die nicht ganz direkt oder im persönlichen Umfeld schon davon betroffen war oder gerade ist. Das macht das Ganze nicht besser, wirkt aber irgendwie tröstlich und unterstützt den eigenen Weg durch den offenen Austausch über die jeweiligen Therapieformen und Heilungskonzepte.

Vertrauens- und hoffnungsvoll habe ich mich vor knapp 20 Wochen für eine überdurchschnittlich anspruchsvolle Chemotherapie entschieden, um den Tumor in meiner Prostata und die Metastasen auf meinen Knochen behandeln zu lassen. Eine Antihormontherapie begleitet mich seither parallel dazu. Soll man sich auf der Startlinie einer solchen Therapie nun seiner Haare vorsorglich gleich selber entledigen? Wie wird das wohl sein mit der Übelkeit? Werde ich noch Energie haben, um anspruchsvolle Aufgaben zu erledigen? Verliere ich nun wirklich alle meine Nägel? Wie kommen meine Frau und meine Kinder mit dem Thema zurecht? Was bedeutet diese Krankheit für meinen Freundeskreis? Kann oder muss ich gewisse Aufgaben nun einfach loslassen? War es der richtige Entscheid? War es das nun? Fragen über Fragen.

Wie ganz viele Krebspatientinnen und -patienten bin auch ich immer wieder mal im emotionalen Tal der Tränen gelandet, vor allem am Anfang. Obsiegt haben aber bisher mein grosses Vertrauen in die Medizin und in die Expertinnen und Experten, die mich persönlich begleitet haben oder es noch tun. Sei dies nun für die Analyse und Diagnose durch Dr. Christoph Zeller in Rüti oder für die überdurchschnittlich kompetente Beratung und Begleitung durch Dr. Anita Hirschi von der Onkologiepraxis in der Klinik Hirslanden in Zürich. Ebenso wichtig scheint mir aber die eigene Einstellung zu sein. Ich bin es gewohnt, Probleme zu lösen und ganz grundsätzlich mit dem halbvollen Glas, auch wenn seit Wochen nur Wasser oder Tee drin ist, unterwegs zu sein. Das Vertrauen und die positive Einstellung haben sicher einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, dass ich während der ganzen Chemotherapie zwar mit eingeschränkten Ressourcen unterwegs war, aber kaum Nebenwirkungen erdulden musste. Ein bisschen Glück gehört natürlich auch dazu.

Wichtiger noch scheint mir aber der unglaublich breit abgestützte positive Zuspruch durch das persönliche Umfeld, allen voran meiner Frau Brigitte, meiner Töchter Svenja und Tatjana, meiner Freunde, aber auch durch die Bevölkerung. Ich bin überzeugt,dass die Summe der positiven Energie, die durch die vielen Gedanken, Gebete, Gespräche, Wünsche, Lieder, Texte, usw. zu mir geströmt ist, einen wesentlichen Beitrag zu meinem bisher positiven Heilungsverlauf beigetragen hat. Die Entlastung durch die verschiedenen Stellvertreterinnen und Stellvertreter in meinen vielen Mandaten haben noch zusätzlich Energie freigesetzt, die ich für den Heilungsprozess einsetzen konnte und kann. Speziell erwähnen möchte ich Carmen Müller Fehlmann, 1. Vizepräsidentin des Gemeinderates, und Peter Weidinger, 2. Vizepräsident des Gemeinderates. Beide sind zusammen mit dem Gesamtgemeinderat in die Bresche gesprungen und haben meinen Ausfall bisher mit Bravour überbrückt. Ein weiterer Dank geht an Thomas Ziltener und das ganze Kader und die Mitarbeitenden der Gemeindeverwaltung und der verschiedenen Betriebe. Sie alle machen jeden Tag einen fantastischen Job und schicken mir regelmässig Energie und Freude mit wunderbaren, teils selbstgebastelten Geschenken und Botschaften. Auch meine Mitarbeitenden der Zürcher Kantonalbank mit der ganzen Geschäftsleitung und dem Bankrat standen von Beginn weg einfühlsam, unterstützend und Raum gebend hinter mir. In der Summe ganz viele unglaublich berührende Momente.

Anfang Juni steht nun eine neue medizinische Lagebeurteilung an, die Auskunft geben wird, wo ich mit der beschriebenen Therapie nun stehe und wie gut mir das Managen der Ableger und meines Tumors, den ich schon fast von Beginn weg «Camino» (spanisch: Weg) genannt habe, gelungen ist und welche Form von Nachbehandlung, nicht zuletzt auch aus präventiven Überlegungen nötig sein wird.

Seit vielen Wochen wieder schmerzfrei den Alltag zu erleben und eine derartige Chemotherapie ohne Nebenwirkungen zu überstehen, machen mich weiter hoffnungsvoll, was die Wirkung der Therapie und die Rückkehr in den normalen Alltag angehen. Sie werden sicher verstehen, dass ich zum jetzigen Zeitpunkt kein Datum nennen kann und keine Prognose abgeben will. Ich würde mich aber freuen, wenn ich bald wieder mittun könnte, denn die Herausforderungen sind gross und spannend, was mir natürlich als Zaungast nicht verborgen blieb. Neben dem Wunsch nach der Rückkehr bleibt natürlich auch die Aufgabe, was ich durch diese Erkrankung lernen muss für mein Leben. Auch dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Fünf Monate nach der Diagnose bleiben eine unendlich grosse Dankbarkeit und Demut für den bisher positiven Verlauf und die Unterstützung durch ganz viele wunderbare Menschen. Die Ziellinie ist noch nicht überschritten, aber mein persönliches Umfeld und Sie alle geben mir ganz viel Mut für den Schlussspurt. Dafür sage ich Ihnen von Herzen DANKE und freue mich auf die Begegnungen in den kommenden Wochen.Bleiben Sie gesund!

Herzlichst

Ihr

Peter Luginbühl

Gemeindepräsident Rüti